VERHÄNGNISVOLLER BESUCH (11): Textauszug 6

Der Motorradfahrer.jpg

Quelle: pixabay.com

Die Rechte am Text liegen bei mir. Folgender Text kann Fehler enthalten, bitte drüber hinweg lesen, denn es ist nicht die endgültige Fassung.

***

„Es war ein Fehler von ihm. Schau dir an, was aus ihm geworden ist.“ Er zeigte zur Haustür.

Sie blickte ihn kurzzeitig nachdenklich an. „Warum? Was ist denn so Schlimmes aus ihm geworden.“

Frank sah zur Seite, wollte nur ungern so konkret werden. „Das weißt du ganz genau.“

„Richtig. Das weiß ich. Er hat seinen Lebensweg gefunden, hat immer gearbeitet, seine Karriere als Barrel Racer nebenher noch ausgebaut und es um ehrlich zu sein sehr weit geschafft.“

„Er ist zu einem unzuverlässigen, aufsässigen Eigenbrötler geworden. Er hat uns einfach im Stich gelassen. Und jetzt ist er ganz verschwunden!“

Bianka starrte ihren Vater fassungslos an, wusste nichts zu erwidern, was die Annahme widerlegen konnte. Aber sie wusste im Inneren ihres Herzens, dass das nicht stimmte. Benny hatte sie nicht einfach im Stich gelassen und er war auch nicht so schlecht, wie Frank ihn jetzt darstellte.

„Ich will nicht, dass du genauso abdriftest. Eine gute Schulbildung ist wichtig und wenn ich dich nicht anders zu deinem Glück bringen kann, dann werde ich dich halt dazu zwingen.“

Bianka senkte den Kopf, kniff missmutig die Lippen aufeinander und nickte mehrmals. Diesmal würde sie Kontra geben. „Hast du mit dem Spruch auch Benny halten wollen?“

„Er hat nicht auf mich gehört.“

„Natürlich nicht. Damit hast du ihn nämlich verloren. Und damit du es weißt, Papa, ich werde mich auch nicht zu irgendetwas zwingen lassen.“

Zorn blitzte in den Augen ihres Vaters auf. „Was soll das heißen?“, kam es drohend und unheilvoll langsam von ihm.

Sie haderte kurz mit sich selbst. „Das soll heißen, dass ich Benny verstehen kann, dass ich weiß, warum er sich immer mehr abschottete.“ Bianka schüttelte den Kopf, wusste, dass sie mit dem nächsten in ihrer Wut zu weit gehen würde. „Und ich will das alles auch nicht.“

Sie wirbelte herum, schoss aus der Küche, rannte über den Hof, um zu Rush zu kommen. Sie führte sie von der Weide und machte sich nicht die zusätzliche Mühe sie aufzusatteln, sondern schwang sich noch am Weidengatter auf ihren bloßen Rücken und galoppierte mit ihr über den Hof zur Einfahrt und verschwand dann vom Gutshof und dessen hässlichen Fängen.

Bianka fuhr sich durch die Haare. Mit aller Macht musste sie die Tränen zurückhalten. Der Wortkampf mit ihrem Vater hatte sie enorm viel Kraft gekostet. Hatte sich so auch Benny immer gefühlt, wenn er sich mit Frank gestritten hatte?

Das Mädchen konnte ihren Bruder wirklich verstehen, dass er ausgezogen war, dass der Kontakt zu seinem Vater immer mehr abbrach und brüchiger wurde. Einfach alles.

Sie wollte es eigentlich niemanden anvertrauen, aber sie gab Frank die Schuld für Bennys Verhalten. Seinen Auszug, seine Distanz zu seiner Familie und nun sein merkwürdiges Untertauchen. Bestimmt war die Sache damals mit Laura und Frank zu heftig für ihn und er wollte sich nur noch irgendwohin abseilen, allein sein und vergessen, dass er einen tyrannischen Vater hatte. Auf der anderen Seite würde Biankas Bruder so etwas niemals machen, dafür liebte er seine Mutter und seine Schwestern einfach zu sehr. Er hatte hier seine Freunde, die sich ebenfalls fragten, wo er sich befand und was mit ihm geschehen war, aber auch die Bunkmas waren für ihn wie eine zweite Familie geworden – allen voran Laura. Das hatte Bianka herausgefunden und Benny hatte es ihr bestätigt.

Und doch war er einfach verschwunden, wortlos, hatte niemandem etwas gesagt und noch nicht einmal auf seinem Handy konnte man ihn mehr erreichen. Und das seit sage und schreibe drei Monaten. Das schoss weit über einen Urlaub hinaus – wie er es damals genannt hatte.

Bianka preschte über den Feldweg, blieb verzweifelt und mit einem Schwall Wut und Traurigkeit in sich an der Wegkreuzung stehen, die sie rechter Hand nach Green Valley führte und links herum zu Sahras Eltern auf den Düllmenner Hof.

Sie fuhr sich durch die Haare, spürte die Hitze, die sie zum Schwitzen brachte und vernahm Rushs Schnauben.

Bianka sank in sich zusammen, konnte die Tränen nicht weiter zurückhalten und senkte ihren Oberkörper nach vorne auf Rushs Hals, dort gab sie sich ihrem Kummer hin.

Sie wünschte Benny herbei. Er würde sie in dieser Lage als einziger verstehen, denn er kannte Franks impulsive Ader – aber er war eben nicht da.

Benny war einfach nicht da.

Sie musste allein versuchen damit klarzukommen, die Sache zu regeln. Aber es schien ihr so unmöglich. Bianka wollte ihren Vater nicht mehr sehen, wollte an dieser Stelle ebenfalls ausziehen, ihren Vater hinter sich lassen und möglichst auch über dem Schmerz stehen, den Benny mit seinem Weggang in ihr hinterließ.

Er hatte ihr mehr als nur das Herz gebrochen, es hatte einen Teil ihrer Seele zerstört. Bianka hatte das Gefühl nur noch teilweise zu leben – so fühlte sie sich jetzt in diesem Augenblick.

Schniefend hob Bianka den Kopf, fuhr sich durchs Gesicht, wischte sich die Tränen weg und lenkte ihre Stute nach links in Richtung des Düllmenner Hofes.

*

***

Mein * kündigt für nächste Woche einen Perspektivenwechsel an. Ich hoffe, Ihr seid wieder mit dabei 🙂

ERSCHEINUNG Band 11: Oktober/November 2016
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