Leseprobe zu RUF DER ZEIT

„Mustafa?“ Eine schlanke Gestalt erschien im Türrahmen. „Mustafa!“ Erfreut hob er die Arme und wollte den jungen Mann freudestrahlend begrüßen.
„Karim! Wie schön, dich zu sehen!“
„Sag mal, was machst du denn hier?“ Der Mann ließ von ihm ab.
Shadia hatte geglaubt, dass es sich dabei um einen Mann in Mustafas Alter handeln würde, doch Karim war viele Jahre älter. Sie schätzte ihn auf sechzig.
„Das würde ich auch gerne wissen.“ Mustafa zog sein Kopftuch ab und strahlte selbst über das ganze Gesicht.
„Was ist das denn für eine Antwort?“ Der Ältere verwarf seine Frage. „Ist doch auch egal. Komm rein! Lass uns ein wenig reden.“ Er sah zu Shadia hinüber. „Und wen hast du da mitgebracht?“
Das war der Moment, in dem die junge Frau sich aus Samiras Sattel gleiten ließ und zögerlich auf die beiden zukam.
„Ist das einer deiner Männer?“ Er sah Mustafa fragend an. „Was macht ihr beide hier?“ Als Shadia neben Mustafa stand, hörte sie sein deutliches Seufzen. Er hob die Hand und löste das Kopftuch von ihrem Gesicht. Der Mann blieb sprachlos in der Tür stehen. Er lehnte eine Hand an den Rahmen. „Mustafa“, rief er erstaunt aus, „du alter Schuft!“
„Warum?“, wollte dieser wissen.

Der Ältere schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Du heiratest und ich war nicht eingeladen?“, rief er leicht verärgert aus. „Was?“ Mustafa verstand erst nicht. „Wer soll verheiratet sein? Ich?“ Sein missverstehendes Grinsen hielt sich ehrlich gemeint in seinem Gesicht. Er drehte sich zu Shadia um, sah sie an und … sein Grinsen verebbte. „Oh“, kam es nun von ihm. „Ja, eine Entschuldigung wäre wirklich nicht schlecht!“ „Aber Karim!“ Mustafa legte ihm beschwichtigend eine Hand auf die Schulter. „Sie ist doch nicht meine Frau!“ „Ach nein?“ „Nein!“ „Wer ist sie dann?“ „Sie heißt Shadia.“ Mustafa atmete angestrengt. „Und ist nicht meine Frau.“ „Warum führst du sie dann mit dir, als wäret ihr verheiratet?“ „Ich …“ Er sah sprachlos in Karims Gesicht, wandte sich dann Shadia zu. „Wir sind doch nicht …“ Dann glitt sein Blick wieder zu seinem Freund. „Sie …“ Mustafa konnte keinen Satz zu Ende sprechen, was zur Folge hatte, dass er ratlos dastand und sich am Kopf kratzte. „Aber eines muss ich dir lassen: Da hast du dir eine prächtige Frau gesucht!“, grinste der Alte ihm verschwörerisch zu. Mustafa schnaubte etwas heiser. „Aber sie ist doch nicht …“ Er brach wieder ab. Es schien keinen Sinn zu haben. In Shadias Gesicht schoss Blut. Sie ahnte, dass die peinliche Verwechslung für eine ziemlich deutliche Röte in ihrem Gesicht gesorgt hatte. Sie senkte das Gesicht zu Boden und lauschte dem irrtümlich glaubenden Gespräch. „Aber jetzt mal ganz in Ruhe“, wollte Karim nochmal beginnen. „Was führt euch Turteltäubchen zu mir?“ Mustafa schnaubte, sagte aber kein Wort mehr. Wahrscheinlich wäre ihm dabei genauso viel herausgekommen, wie bei den letzten Versuchen. Nicht sehr produktiv, wie Shadia fand. Doch für sie war es nun wirklich genug. Zeit, einzugreifen. „Wir …“, begann sie leise, wechselte einen heimlichen Blick mit Mustafa, ehe sie wieder Karims Antlitz suchte. „Wir sind nicht verheiratet.“ Sie räusperte sich. „Ich bin von der Karawane abgekommen und … Mustafa, als unser Anführer, hat mich gesucht … und gefunden.“ Der Alte lachte höchst interessiert. „Das sehe ich!“ Shadia fing einen verstohlenen Blick Mustafas auf. „Und jetzt wollt ihr beide mal eben Hallo sagen?“ „Nein, ganz so ist das nicht“, ergriff Mustafa endlich wieder das Wort, nachdem er dank Shadia wieder den Faden gefunden hatte.

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