Alice: Erste Leseprobe

Alice saß auf ihrem Bett im Bed & Breakfast und las in einem Buch, das sie mitgenommen hatte. Es waren seit dem Einsatz und dem danach folgendem Streit mit Joey eineinhalb Tage vergangen. Er hatte sich noch nicht bei ihr gemeldet! War das nun ein schlechtes Zeichen? War sie jetzt wirklich gefeuert? Alles zuende? Das konnte sie einfach nicht glauben. Aber warum gab Joey dann kein grünes Licht für sie? Wütend über Joey und die Gedanken, die er in ihrem Kopf hinterließ, schlug sie das Buch zu und starrte gegenüber von ihr auf die Wand. Ein herzensschwerer Seufzer verließ sie und hörte sich viel zu laut in dem kleinen Zimmer an. Um sich wieder abzureagieren, machte sie das Buch wieder auf und versucht sich in die Zeilen zu vertiefen. Es gelang ihr nicht. Aber Alice sah auch nicht auf. Dann klopfte es auf einmal unverhofft. Sofort blickte sie gebannt zur Tür. Es erschien nur ein männlicher Kopf mit braunen Haaren. Joey. Sogleich schlug ihr Herz bis zum Hals. Sie schluckte. Nun war der Moment der Entscheidungen. Nur langsam und mühsam kam der Mann in den Raum. Er verhinderte es, Alice direkt anzusehen. Das war der erste Punkt, der ihr negativ auffiel. Sie machte ihr Buch erneut zu und legte es neben sich auf das Bett. Joey kam zögernd auf sie zu. Alice beäugte ihn aufmerksam. Was würden die nächsten Minuten bringen? Verkrampft erhob sie sich und versuchte ihr Zittern zu verbergen. Alice wollte sich auf gleicher Höhe, wie Joey befinden. Dann stand er vor ihr! Immer noch verhinderte er es, sie anzusehen. Um sich Zeit zu verschaffen, sah er sich in ihrem Zimmer um, sah aus dem Fenster, auf die Wände, auf den Schrank und schließlich blieb sein Blick an etwas hinter Alice hängen. Er schien kurzzeitig nicht mehr zu wissen, dass Alice da war. Seine Augen kaum merklich etwas weiter auf, fixierte er einen Punkt. Alice sah über die Schulter, versuchte auszumachen, was ihn derart verwirren konnte. Doch sie fand nichts. Erst sein Seufzen, ließ sie wieder in die Realität zurückfinden. Aber Joey sagte immer noch nichts. Das war der zweite Punkt, der Alice den Hals zuschnürrte. Sag doch was, bettelte sie ihn in Gedanken an. Aber es kam nichts. Joey senkte den Blick und ließ seine Hände in seine Hosentaschen der Jeanshose verschwinden. Warum sagte er denn nichts? Alice wurde beinahe verrückt. Sie musste nun einfach wissen, was Tatsache war. Sie glaubte fest daran, dass sie seine Antwort verkraften würde. Sie folgte jedem seiner Blicke, versuchte in seine Gedanken einzudringen, doch die hatte er zu gut weggesperrt. Er räusperte sich. Endlich, wäre es Alice fast entfahren. Doch dann wurde es wieder still. Alles in ihr schrie den Mann gegenüber von ihr an. Doch er bemerkte es nicht. „Warum?“ Alice sah ihn überrumpelt an. Da war es. Er hatte gesprochen. Gut, es war nur ein Wort. Aber dieses eine Wort, war der Anfang eines Gespräches. Ihre Gedanken rotierten. Sie schluckte kräftig. Was sollte sie darauf antworten? Sie wusste es doch selbst nicht. Warum war sie in das brennende Haus gerannt? Was hatte sie sich in diesem Moment gedacht? Verkrampft versuchte sich Alice daran zu erinnern, aber da war nichts. „Ich weiß nicht“, antwortete sie wahrheitsgemäß. „Was?“, entfuhr es ihm lauter, als sie es in dieser Stimmung erwartet hätte. „Du rennst in ein brennendes Haus und weißt nicht warum? Weißt du, was alles hätte passieren können? Wie viele Männer du in Gefahr gebracht hast?“, sprach er wütend. Seine Stirn zeigte verärgerte Falten, die sich entlang der Augen, bis zur Nase zogen. „Aber es ist doch niemandem etwas passiert“, versuchte sie es kleinlich. Überrannt von dieser Antwort, ließ er seinen Blick ein weiteres Mal durch das Zimmer gleiten. Seine Lippen wurden zu einem dünnen Strich. Das ist nicht gut, dachte sich Alice bei seinem Anblick und konnte schon erahnen, was für ein Donnerwetter auf sie wartete. „Es ist niemandem was passiert“, wiederholte er ungläubig. „Zum Glück ist niemandem etwas passiert! Zu deinem Glück!“ Er zeigte mit dem Zeigefinger auf sie. Alice ihrerseits starrte ihn gebannt an. „Du hattest in deiner eigenen Dummheit Glück im Unglück. Ich will gar nicht wissen, was alles hätte passieren können.“ Joey wandte sich kurz zur Seite, um sich ihr sofort wieder umso bedrohlicher zuzuwenden. „Ich habe den Einsatz geleitet!“, raunte er sie an und versuchte möglichst leise zu sprechen, doch seine Wut fand dennoch genug Wege, um zum Ausdruck zu kommen. „Wenn was passiert wäre, dann wäre ich dran gewesen.“ Nun zeigte er auf sich. „Ich hab dir gesagt, halt dich fern, aber du konntest wieder nicht hören!“ Unbewusst wurde er lauter. Dann schüttelte er den Kopf. Alice glaubte zu wissen, was das bedeutete. „Du bist so dumm und naiv. Hast du geglaubt, dass du als Held gefeiert wirst, wenn du wieder raus kommst?“ Unmerklich schüttelte sie den Kopf. „Hast du gedacht, deine hirnlose Tat würde keine Folgen haben?“, rief er laut aus. „Warum, und darauf will ich sofort eine Antwort, hast du dich für die Arbeit auf unserer Wache entschieden?“ Sie stockte, sah ihn fest an und wusste nicht, was sie sagen sollte. Egal was es war, Joey würde sowieso wieder jedes Wort umdrehen. „Warum hast du dich nicht einfach bei einer Bäckerei beworben? Warum unbedingt bei der Feuerwehr?“ Joey griff sich verständnislos an den Kopf. „Es hat schon seine Gründe warum bisher keine Frauen auf unserer Wache waren. Deine Kurzschlusshandlung ist einer davon!“ Er starrte sie aus bösen Augen an. Alice‘ Hals war zugeschnürrt. So fühlte es sich zumindest an. Sie räusperte sich, um den Hals wieder frei zu bekommen. Dann sank ihr Blick zu Boden. Sie konnte ihn verstehen. Wirklich. Aber es tat ihr leid – und auch das sollte er wissen. „Also?“, forderte er sie ungeduldig auf. „Warum?“ Alice presste ihre Lippen aufeinander und legte den Kopf in den Nacken. Sie starrte zur Decke hoch, als würden dort die nächsten Sätze stehen. „Ich weiß nicht.“ „Du weißt das nicht? Das ist gelogen, Soraya! Das wissen wir beide!“, sagte er so laut, dass es bis dicht an ihr Ohr schallte. „Warum – und ich bin nicht mehr lange so geduldig – hast du dich für unsere Wache entschieden?“ Sie starrte ihn an. Wahrheit, oder Lüge? Die Lüge war ein Schuss in den Ofen gewesen, also blieb nur noch Wahrheit. Aber wie viel von der Wahrheit konnte sie ihm offenbaren?

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Ein Gedanke zu “Alice: Erste Leseprobe

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